DAS DERBY IST DIE BEDEUTENDSTE CLASSIQUE IM TURF. WEIL JEDER VOLLBLÜTER NUR IM ALTER VON DREI JAHREN DIE GELEGENHEIT ERHÄLT, AM DERBY TEILZUNEHMEN. ZU SEINEM NAMEN KOMMT DAS 1780 AUF DEN DOWNS IM ENGLISCHEN EPSOM ERSTMALS AUSGETRAGENE RENNEN EHER ZUFÄLLIG, TROTZDEM FINDET ES WELTWEITE RESONANZ. AUF DER FRAUENFELDER ALLMEND WIRD 1981 ERSTMALS EIN SCHWEIZER DERBY GELAUFEN.

Nie und nimmer hat sich Edward Smith-Stanley das so vorgestellt. Dass sein Name die Sportwelt prägt: Fussball, Eishockey, Handball. Immer wenn ein Spiel mit speziell intensivem Wettkampfcharakter ansteht, ist von einem Derby die Rede. Stadt-Derby, Liga-Derby, Kantons-Derby – oder auch GC gegen FCZ , Frauenfeld gegen Pikes Oberthurgau, Arbon gegen Kreuzlingen. Denn eigentlich gibt es nur im Pferderennsport das wahre Derby. Weil Edward Smith-Stanley, der 12. Earl of Derby, vor 233 Jahren einem Pferderennen seinen Namen schenkt.

GESCHICHTSTRÄCHTIGER MÜNZWURF

Die Legende will, dass ein Münzwurf diese Namensgebung entscheidet. Lord Derby und sein guter Freund Sir Charles Bunbury werfen die Münze. Kopf oder Zahl? Lord Derby tippt richtig und darf dafür dem Rennen, dessen Premiere er mit Charles Bunbury organisiert, seinen Namen geben. Als Derby geht die Prüfung für dreijährige Hengste und Stuten aus englischer Vollblutzucht in die Geschichte ein. Ob es auch als Bunbury zum Synonym für ein spezielles Sportereignis geworden wäre? Es ist ausgleichende Gerechtigkeit, dass Diomed, ein Pferd von Sir Bunbury, 1780 das erste Derby gewinnt. Seither tragen sich in Epsom immer wieder namhafte Rennpferdebesitzer in die Siegerliste ein. Doch Rang und Namen allein genügen nicht, um das prestigeträchtige Rennen zu gewinnen. Für Queen Elisabeth und Scheich Mohammed, den im internationalen Turf mächtigen Regenten von Dubai, ist der Traum eines englischen Derby-Sieges bisher noch immer unerfüllt. Ihre hochkotierten Derby-Starter haben einfach nicht das notwendige Rennglück.

Einmal fehlt ihnen der Speed, um ganz vorne mitzumischen, einmal die sogenannte Stamina, die Ausdauer also, die es bis zum Zielpfosten braucht. Als Zuchtrennen dient das Derby immerhin ja auch dazu, die Spreu vom Weizen zu trennen. Die Besten sollen Aufnahme in die Vollblutzucht finden.

NUR DIE SCHNELLIGKEIT ZÄHLT 

Dafür ist das Derby anspruchsvolle Selektion, es ist das wichtigste aller klassischen Rennen. Weil es über die fordernde Distanz von 2400 Metern führt, weil hier ausschliesslich dreijährige Hengste und Stuten starten. Sie treten unter einheitlichen Bedingungen an, die bloss in Bezug auf das Geschlecht eine Ausnahme kennen. Die starken Hengste müssen 58 Kilos tragen (Reiter inklusive Sattel), die grazilen Stuten nur 56,5 Kilos. Eine alte Turf-Weisheit besagt, dass bei zwei gleich starken Pferden pro Kilo weniger Gewicht eine Pferdelänge mehr Vorsprung resultiert: rechne! 

Ob Stute oder Hengst, ob gross oder klein, dick oder dünn, braun oder weiss. Ein Vollblüter darf alles sein, Hauptsache er ist schnell. Die Schnelligkeit ist das einzig massgebende Kriterium dieser bald 300-jährigen Leistungszucht, an deren Ursprung drei aus dem arabischen Raum nach England importierte Hengste stehen.

Noch heute muss die Abstammung eines jeden Vollblüters lückenlos auf dieses Trio zurückgeführt werden können. Darüber wird akribisch Buch geführt. Ergo: Ein Vollblüter ist ein bezüglich Schnelligkeit über Generationen veredeltes Pferd, nicht ein vierbeiniger Athlet voller Blut. Der englische Ausdruck Thoroughbred und die französische Bezeichnung Pur-sang geben das treffend wieder.

Auf der Rennbahn erfolgreiche Hengste werden in der Zucht gut belohnt. Sie dürfen sich nach der Rennkarriere auf tollen «Damenbesuch» freuen. In der Vollblutzucht ist nur der Natursprung erlaubt. Anteile an Deckhengsten werden zu horrenden Preisen gehandelt, eine gute Mutterstube ist aber auch bei den Rennpferden wichtig. Eine solche bieten beispielsweise Dubai Rose und Maganyos, die einzigen zwei Stuten, die das Swiss Derby auf der Frauenfelder Allmend bisher gewonnen haben. Dubai Rose, die Siegerin von 2009, hat einen einjährigen Hengst bei Fuss. Noch darf der Kleine unter Aufsicht seiner Mutter auf saftigen Weiden herumtollen. Der Ernst eines Rennpferdelebens beginnt im Alter von etwa 20 Monaten. Dann ist der Pferdenachwuchs zwar noch immer sehr jung, trotzdem aber schon alt genug, um im Training das ABC von Schritt, Trab und Galopp zu lernen. Geradezu Musterschüler sind die Nachkommen von Maganyos, der Swiss-Derby-Siegern von 1983. Sie gewinnen weltweit bedeutende Rennen, von England bis Neuseeland.

PRIX DU JOCKEY CLUB UND BLAUES BAND

In Frankreich heisst das Derby Prix du Jockey Club und wird 1836 erstmals gelaufen, in Deutschland spricht man in Anlehnung an den britischen Hosenbandorden vom Blauen Band, das 1869 die Premiere erlebt, sechs Jahre vor dem Kentucky Derby in den USA – und 50 Jahre vor den ersten Pferderennen in Frauenfeld, wo 1981 das erste Schweizer Derby ansteht. Auch wenn ein Vollblüter ein Derby nur einmal im Leben laufen kann, im Alter von drei Jahren, so hat er im globalen Pferderennsport zumindest doch die Möglichkeit, in verschiedenen Ländern an Derbys teilzunehmen. Womit sich auch für Scheich Mohammed der Traum eines eigenen Derbysiegers erfüllt. Seine Pferde gewinnen in Irland und Frankreich Derbys, und ebenfalls dominieren die rotbraun-weissen Rennfarben das Swiss Derby. In der 18. Austragung setzt sich 1998 Copeland durch.

Wer nun denkt, das sei doch im Vergleich mit dem Original in Epsom alles nur Pipifax, der hat Henri-Alex Pantall nicht reden hören. «Derby ist Derby», bringt der erfolgreiche französische Trainer nach dem Sieg von Copeland in drei Worten auf den Punkt, wofür andere unendlich lange Erklärungen brauchen. Weil das Derby ein so spezielles und schwierig zu gewinnendes Rennen ist, bereitet jeder Derby-Erfolg gleichviel Freude. Was ebenso das Beispiel von Raheb zeigt, im letzten Jahr im 32. Swiss Derby erst im Fotofinish von Green Fees hauchdünn geschlagen. Green Fees wie Raheb treten nach dem Start in Frauenfeld auch im 144. Österreichischen Galopper-Derby gegeneinander an, und dort ist Raheb der Sieger. Ein Freudentag für seine Schweizer Besitzer Vreni und Anton Kräuliger, wie zuvor der Schweizer Renntag für den Franzosen Phillipe Cotrel, den Besitzer von Green Fees, einer ist. Das Double mit Schweizer und Österreichischem Derby-Sieg ist übrigens 1991 Wacio und 1997 Kaldoun Choice gelungen.


ILLUSTRE JOCKEY-SCHAR

Organisatorisch steht das Schweizer Derby den ausländischen Pendants in nichts nach. Mit Blick auf die illustre Jockey-Schar, die Jahr für Jahr in Frauenfeld in den Sattel steigt, könnte manch anderer Derby-Veranstalter sogar neidisch werden. 2012 ist der weltbekannte Frankie Dettori auf der Allmend am Start, zuvor sind es nicht minder berühmte und erfolgreiche Jockeys wie die Franzosen Oliver Peslier, Freddy Head, Yves Saint-Martin, der deutsche Peter Schiergen, bisher einziger

Derby-Sieger als Reiter und Trainer, der Engländer Lester Piggott, der Amerikaner Cash Asmussen. «Cash by name, Cash by nature», ist Asmussens Devise, mit der auch die Wetter in Frauenfeld ihr Geld verdienen. Von 1988 bis 1992 gewinnt der hochgewachsene Amerikaner vier der fünf Schweizer Derbys. Aber selbst bei den Jockeys ist der Name allein kein Garant für Derby-Ehren. Die Schweizer Rennreiterin Brigitte Renk setzt sich 2003 und 2004 unbeeindruckt vor die hochgelobte Konkurrenz. Erst ringt sie auf Financial Future die Vedetten aus Frankreich mit einem beachtlichen Finish nieder, ein Jahr später distanziert sie auf Workaholic die Gegner sicher mit fast einer Pferdelänge Abstand.

David gegen Goliath, Aussenseiter gegen Favorit – aber auch Champion gegen Champion. Wie im Fussball, Eishockey, Handball, schreibt im Turf das Derby die schönsten, spannendsten und berührendsten Geschichten. Weil es seit dem geschichtsträchtigen Münzwurf vor über 200 Jahren ein besonderes und einmaliges Sportereignis ist. Das wahre Derby.